Ich werde 18 und bekomme Post von der Bundeswehr. Als junger Mann MUSS ich einen Online-Fragebogen ausfüllen. Bin ich der Typ fürs Militär? Wie kann ich diese Frage für mich klären?
Gregor Rehm: Als ersten Schritt empfehle ich, erst mal einzuordnen, um was es tatsächlich geht. Die Bundeswehr wirbt mit dem Fragebogen und in ihrer Kommunikation vor allem für die Karriere-Chancen, die sie Soldatinnen und Soldaten bietet. Dabei wird aber kaum beleuchtet, was das Berufsbild alles umfasst und was daraus im Ernstfall folgt. Man muss sich klarmachen, dass ein Militärdienst im schlimmsten Fall bedeutet, Waffen einzusetzen, zu zerstören und zu töten. Das bedeutet auch, dass man selbst getötet werden kann.
Was empfehlen Sie als zweiten Schritt?
Rehm: Sich damit auseinandersetzen, wofür die Bundeswehr steht. Als Soldat oder Soldatin ist es meine Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen. Aber was genau ist mit dieser Sicherheit gemeint? Reine Verteidigung? Auslandseinsätze? Geht es in erster Linie um die Sicherheit der Menschen? Oder um die Sicherheit des Staates? Da gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Es ist sinnvoll, sich Gedanken über die Rolle der Bundeswehr zu machen und zu prüfen, ob man das persönlich mittragen kann.
Wie finde ich Klarheit, wenn ich merke: Ein Militärdienst ist nichts für mich, aber ich kann das nicht richtig in Worte fassen?
Rehm: In meiner Beratung erlebe ich oft, dass junge Menschen erst mal mit einem ganz diffusen Bauchgefühl kommen. Gemeinsam arbeiten wir dann heraus, woher das kommt. Das ist ein ganz individueller Prozess: Mit welchen Werten bin ich aufgewachsen? Was für Überzeugungen habe ich entwickelt? Habe ich Gewalt schon erlebt? Bin ich ein gläubiger Mensch? Das sind persönliche Gespräche, bei der die eigene Biografie eine zentrale Rolle spielt. Deshalb ist es auch gut, sich beraten zu lassen und mit Menschen seines Vertrauens darüber zu sprechen - ob Freunde, Eltern, Verwandte. Ich glaube, jedes Gespräch hilft eine eigene Haltung zu formen und zu festigen. Darüber hinaus haben wir bei der EAK die Broschüre „Find deinen Weg“ entwickelt, die bei Gewissensfragen helfen kann.
Wo finde ich eine Beratung, die mich bei Gewissensfragen unterstützt?
Rehm: Auf dem Portal der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) kann man ganz einfach ein Online-Formular ausfüllen. Anhand der Postleitzahl meldet sich daraufhin eine Beraterin oder ein Berater aus der eigenen Region. Die Beratung ist kostenfrei, vertraulich und ergebnisoffen. Uns ist es wichtig, dass die Menschen eine Entscheidung für oder gegen den Militärdienst treffen können, die für sie persönlich passt. Wenn sich dann jemand für die Bundeswehr entscheidet, geschieht das wohlüberlegt und eben nicht aus falschen Gründen oder weil einfach nur Karriere-Chancen locken. Ich finde, wir sollten uns bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen, denn im Ernstfall geht es um Leben und Tod.
Fragen: Timon Müller / ein-jahr-freiwillig.de
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